Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebnen,
mögest du den Wind im Rücken haben,
und bis wir uns wiedersehn,
möge Gott seine schützende Hand über dir halten.
Irischer Segenswunsch

 

Liebe Gemeinde,

nun schreibe ich Ihnen diese Zeilen in einer Situation, die durch das Coronavirus beherrscht wird. Diese unsichtbare Bedrohung erinnert mich einmal mehr daran, wie verletzlich unser Leben ist. Noch befinden sich viele Menschen in sozialer Isolation, die Kirchen sind leer. Neue kreative Wege, wie z. B. Livestream-Gottesdienste, ermöglichen geistliche Gemeinschaft trotz Ausgangsbeschränkungen. Und doch vermisse ich, leibhaftig Gottesdienst zu feiern, das Teilen von Brot und Wein, den kraftvollen Orgelklang und den gemeinsamen Gesang, den herzlichen Händedruck. Wie wird sich diese Situation entwickelt haben, wenn Sie diese Zeilen lesen?

Ein ungewisser Weg liegt vor uns. Darum spricht mich der irische Segen so an, den wir oft in der Gemeinde gesungen und mit dem wir uns gegenseitig gestärkt haben. Für mich ist Segen ein gutes Wort der Hoffnung inmitten von Ungewissheit, Angst und Sorge auf dem weiteren Weg.

„Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebnen“, das ist für mich ein österlicher Gruß. Auf Heilung hoffen und auf einen guten Ausgang vertrauen. So geht es mir mit meiner Erkrankung und so hoffe ich es auch im Blick auf die Weltgesundheitskrise.

Ein ungewisser Weg kann auch neue Horizonte eröffnen. Ich muss an den Satz denken, dass in Krisen auch Chancen liegen. Das wünsche ich mir auch für den Umgang mit der Pandemie. Ich möchte nichts beschönigen. Ich habe es selbst erlebt. Die Diagnose Krebs war ein Schock, sie hat mich aus der Bahn geworfen. Und als ich im vergangenen Herbst Pläne für eine Rückkehr in den Dienst schmiedete, musste ich einen herben Rückschlag verkraften, der weitere Therapien notwendig macht.

Die Erkrankung hat mich aber auch zum Innehalten gezwungen. Ich habe viel nachgedacht in den letzten Monaten, auch darüber, wie ich mit meinen begrenzten Kräften gut haushalten kann. In dieser Zeit wurde die Stelle der Klinikseelsorge in Chemnitz ausgeschrieben, ich habe mich beworben und eine Zusage erhalten.

Das Schmerzliche an jeder Veränderung ist, dass sie auch ein Loslassen bedeutet. Der Abschied aus unserer Gemeinde wird mir schwer fallen. In den vergangenen 15 Jahren sind Sie, liebe Gemeinde, mir ans Herz gewachsen. Deshalb hatte ich gehofft, dass ich zunächst in unsere Gemeinde zurückkehre, um eine geordnete Übergabe zu organisieren und den Abschied zu gestalten.

Zugleich nehme ich wahr, dass die andauernde Vakanz durch meine Erkrankung für den Kirchenvorstand und die Mitarbeitenden eine Belastung und Unsicherheit darstellt. Da ich nicht weiß, wann ich wieder dienstfähig bin, habe ich den Kirchenvorstand gebeten, die Pfarrstelle zum nächstmöglichen Zeitpunkt auszuschreiben. Mir ist diese Entscheidung nicht leicht gefallen. Es wird auf jeden Fall noch eine Gelegenheit geben, dass wir uns in einem Gottesdienst voneinander verabschieden können.

So ist es mir heute bereits ein Bedürfnis, Ihnen zu danken für Ihre anteilnehmenden Worte, persönlichen Ostergrüße und stärkenden Gebete, mit denen Sie mich nunmehr schon über ein Jahr auf meinem Heilungsweg begleitet haben. „Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebnen.“ Mit diesem irischen Segensgruß wünsche ich auch Ihnen für Ihren weiteren Weg Gottes Segen.

Ihre Pfarrerin Astrid Kühme