Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.                Apg 5,59

Ich kann diesem Vers uneingeschränkt zustimmen. Doch er bewirkt auch ein mulmiges Gefühl in mir. Sind es nicht Worte, die in dieser oder ähnlicher Form auch von religiösen Fundamentalisten und Terroristen ver-wendet werden? Wenn man diesen Satz für sich stehen lässt, ohne seinen Kontext, könnte man alles Mögliche damit rechtfertigen. Und sicherlich wurde ein biblisches Wort wie dieses im Laufe der Geschichte auch für manche Unmenschlichkeit missbraucht.

Andererseits enthält diese Aussage auch großes Veränderungs- und Trotzpotential, z.B. wenn man sich aufgrund seines Glaubens weigert, bestimmte Dinge zu tun, die andere von einem verlangen, die aber im Widerspruch zur eigenen Überzeugung stehen. Unser Gewissen ist zuerst und vor allem an Gott gebunden, und von daher können wir „nein“ sagen oder „ja“, auch wenn wir in unserer Umgebung damit auf Unverständnis stoßen.

In diesem Monatsspruch finden wir eine zutiefst biblische Begründung für die Glaubens- und Gewissensfreiheit, vielleicht sogar für die Meinungsfreiheit. Es gibt ja zur Zeit viele, die behaupten, diese Freiheiten wären in unserem Land gefährdet oder es gäbe sie schon gar nicht mehr. Doch die, die am lautesten schreien, man dürfe nicht mehr sagen, was man denke, tun genau das. Und solange solche Meinungen öffentlich geäußert und toleriert werden, mache ich mir da wenig Sorgen.

Im Gegenteil, mit diesem Wort im Rücken können wir neu und revolutionär denken und handeln. Und wir geben auch anderen den Raum, ihre Überzeugung, ihren Glauben zu leben, je nachdem, wie ihr Gewissen sie bindet. In dem Bewusstsein, dass es diese Instanz, die wir Gott nennen, über uns gibt und wir als Menschen Fehler machen und danebenliegen können. Das entspannt mich.

Darum sollte auch kein Mensch für sich ausschließlich alleine Gott hören. Sondern wir hören gemeinsam, korrigieren einander und bewahren uns gegenseitig vor ideologischen Irrwegen. Im gemeinsamen Suchen nach Gottes Willen ermutigen wir einander, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, immer wieder neue Wege zu wagen und Gottes Liebe und Gerechtigkeit zu leben.

Das wird uns davor bewahren zu religiösen Idealisten mit Gewaltpotential zu werden, wenn wir bei aller Loyalität Gott gegenüber auch das Liebesgebot Jesu hören und leben: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen, IHN lieben und seinen Nächsten wie sich selbst. In diesem Sinne kann ich mit ganzem Herzen und gutem Gefühl zustimmen. Ich hoffe, Sie auch…

Ihr Pfarrer Benjamin Philipp