November, Offenbarung des Abschieds. Dieses Zwielicht, nasskalte Tage in Grau, sind für mich oft eine Herausforderung. Am Ewigkeitssonntag verlesen wir die Namen derer, die im vergangenen Jahr verstorben sind. Die Ehepartnerin, der Arbeitskollege, die Nachbarin fehlen. Manchmal kam der Tod besonders grausam und hat Sohn oder Tochter aus dem Leben gerissen. In der Kirche sagen wir, wenn jemand stirbt, ist uns dieser Mensch vorausgegangen in Gottes Ewigkeit. Doch was sollen wir uns darunter vorstellen? Die Bibel spricht in Bildern davon: Sie erzählt von Hungernden, die satt werden, von Ruhelosen, die Frieden finden und nicht zuletzt von Tränen, die von den Augen getrocknet werden (Offenbarung 21,4). Hoffnungsbilder, die Lichtstrahlen senden in die „Tage in Grau“.

Am 9. November gedenken wir der Reichspogromnacht vor 80 Jahren. Dieses Datum erinnert schmerzlich daran, was passiert, wenn Menschen, die fremd sind, ausgegrenzt werden. Mehrheiten werden gefunden. Hemmschwellen sinken. Die Stimmung kippt. Die Synagoge am Stephansplatz steht in Flammen wie auch viele andere jüdische Gotteshäuser in Deutschland. Jüdisches Eigentum wird zerstört und geplündert. Unzählige werden verhaftet, weil sie „anders“ sind. Kinder dürfen nicht mehr zur Schule gehen, nicht mehr Kino oder Theater besuchen. Die ersten Juden werden in Konzentrationslager deportiert. Viele Waggons passieren den Chemnitzer Hauptbahnhof. Und heute? Die jüdische Gemeinde ist klein geworden. Viele Gemeindeglieder kommen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Wie geht es ihnen derzeit, wenn in Chemnitz Menschen, die anders sind, Angst haben vor Pöbeleien oder Übergriffen?

Die neue Chemnitzer Synagoge befindet sich in unserem Gemeindegebiet an der Stollberger Straße. Der jüdische Friedhof liegt in Nachbarschaft zum St.Nikolaifriedhof. Gegenseitige Hilfe ist Ehrensache. Ich freue mich, dass am 28. Oktober der jüdische Chor in unserem Gottesdienst singt. Das sind Lichtzeichen in einer erschütternden Zeit, in der wieder grölende Massen sich Opfer suchen für ihre Angst vor dem Fremden und sich von Parolen blenden lassen, die andere zu Sündenböcken machen. Der neue Himmel, von dem die Bibel redet, in dem es kein Leid mehr gibt, scheint für mich derzeit weit weg. Doch gerade jetzt kommt es darauf an, dass ich mich nicht dem Gefühl der Ohnmacht ausliefere.

Ich entdecke in diesen Tagen neu die Kraft des Gebetes. Ich bringe vor Gott, was mich niederschmettert und sprachlos macht, genauso wie meine Sehnsucht nach Frieden und Gespräch. Im Beten liegt der Anfang der Veränderung. Hier beginnt der „neue Himmel und die neue Erde“. Beten lässt mich auf Gott schauen und auf den Mitmenschen und seine Not. Beten schärft die Sinne und verleiht Mut, in die Finsternis zu dringen. Aus betenden Menschen werden handelnde. Manchmal werden sie anderen zum Engel. Eine Hand auf der Schulter, die aus der Mutlosigkeit herausführt. Ein Mund, der sagt: „Komm, steh auf!“

Ihre Pfarrerin Astrid Kühme