Der hellwache Poet
Vor 75 Jahren beging der Kirchenliederdichter Jochen Klepper Selbstmord

Die Familie wollte mit ihrem Freitod niemanden gefährden: Bevor sie am 11. Dezember 1942 aus dem Leben schieden, klebte Frau Klepper einen Zettel für die Hausgehilfin mit der Aufschrift „Vorsicht Gas!“ an die Küchentür. Zwei Tage zuvor war dem Romanautor und Liederdichter Jochen Klepper beim Gespräch mit dem Gestapo-Gewaltigen Adolf Eichmann endgültig klar geworden, dass es keine Ausreisegenehmigung für seine jüdische Frau Hanni und die Tochter Renate geben würde.

Als Journalist war Jochen Klepper im Evangelischen Presseverband Breslau verantwortlich für die Rundfunkarbeit gewesen. Er führte Regie, gab den gerade erst eingeführten Morgenandachten ihre Form, schrieb für Tageszeitungen und hielt Vorträge. 1931 wechselte er als Redaktionsassistent an das Berliner Funkhaus.

Nach der Machtübernahme durch die Nazis verlor er als Ehemann einer Jüdin seine Anstellung – und verlegte sich auf das Schreiben von Romanen. Kleppers wahre Leidenschaft aber galt den Kirchenliedern. Der hellwache Poet hielt ebenso unverbrüchlich an der Kirche fest, wie er ihr kritisch gegenüberstand; vor allem verübelte er den Kirchenleitungen ihren Verrat am Juden Jesus: „Was an den Juden geschieht“, notierte er 1938, „ist eine schwere, schwere Glaubensprüfung – für die Christen.“
Im selben Jahr erschien sein erstes Liederbändchen „Kyrie“: Texte, die von tiefer Vertrautheit mit der Bibel zeugen und in der protestantischen Frömmigkeit beheimatet, zugleich aber der Niederschlag sehr persönlicher Glaubenserfahrungen sind. Dunkle, aus dem Schmerz geborene Gesänge, die Finsternis und Verzweiflung nicht ausblenden und doch voller Hoffnung sind, man denke z. B. an das Adventslied „Die Nacht ist vorgedrungen“.

Währenddessen zogen sich die dunklen Wolken immer drohender über der Familie zusammen. Die Tochter Brigitte durfte noch nach England ausreisen; als für ihre Schwester Renate Anfang Dezember 1942 endlich eine Einreisegenehmigung aus Schweden eintraf, war es zu spät. Die Familie schied freiwillig aus dem Leben – am 11. Dezember 1942. Jochen Kleppers Tagebuch endet mit den Sätzen: „Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

Christian Feldmann (Magazin Gemeindebrief)