Liebe Gemeindeglieder,

eine werdende Mutter auf dem Rücken eines schwer beladenen Esels: Maria sitzt entspannt und schaut hinüber zu dem Hirtenjungen. Es geht ihr gut, trotz aller Belastungen, die sie aushalten muss. Zielstrebig und doch ruhigen Schrittes strebt Josef voran. Sein Blick, seine Gedanken sind auf den nächsten Wegabschnitt gerichtet, auf die nächsten Stunden und Tage. Sie müssen Bethlehem erreichen, bevor bei Maria die Wehen einsetzen. Viel Zeit bleibt ihnen bis dahin offenbar nicht mehr. Und doch geht es ganz ohne Hektik voran. Auch der Esel hält Schritt. Locker hängt die Leine in Josefs Hand.

Marias Blick erfasst den Jungen, und offenbar denkt sie in diesem Moment daran, dass auch ihr Kind einmal so ein Junge sein wird, in sechs oder sieben Jahren vielleicht. Sie ahnt nicht, dass wenig später Hirten – und darunter vielleicht auch Hirtenjungen – ihr Neugeborenes im Stall von Bethlehem begrüßen werden. Doch sie ahnt wohl schon, dass auch ihr Sohn einen besonderen Hirtendienst wahrnehmen wird.

Seit je her bezeichnet man in ihrem Volk die Könige und Mächtigen als Hirten, weil sie Verantwortung tragen für ihr Volk wie ein Hirte für seine Herde. Gute Hirten werden gebraucht: Menschen, denen es ein Herzensanliegen ist, gemeinsam mit den ihnen Anvertrauten in eine lohnende Zukunft zu gehen, mit ihnen die Quellen des guten Lebens anzusteuern, sie gut zu leiten, Gefahren abzuwehren und immer auch auf die Schwachen und Hilfsbedürftigen Rücksicht zu nehmen. Gute Hirten denken nicht zuerst an sich selbst, so wie leider viele der Mächtigen in unserer Welt.

Maria bringt den Guten Hirten zur Welt. Gut hat es, wer zu ihm gehört. Jesus Christus ist der Herr, der hingebungsvoll liebt und der alle, die sich ihm anvertrauen, zum wahren Leben führt. Er kennt uns, wir sind ihm vertraut. Er kennt uns tiefer, genauer, als wir selbst uns kennen. Sein alles erfassender Blick macht uns nicht hilflos und klein. Wir sind ihm wertvoll. Er schenkt Geborgenheit. Er befreit von den Lasten der Vergangenheit. Er verhilft uns zu einem Leben, das von tiefem Gottvertrauen getragen ist und erfüllt von der Liebe, die Gott uns ins Herz legt.

Er sorgt auch für Klarheit und warnt vor den Irrwegen, die „in die Wüste“ führen: wenn man z. B. Lebensinhalt und -erfüllung in dem sucht, was sich kaufen und besitzen lässt, oder wenn man überheblich auf andere herabsieht.

Jesus Christus setzt sich ganz für uns ein. Er gibt das eigene Leben hin. Sein Weg führt ihn hinein in das schwere Leiden und Sterben am Kreuz. „Der Gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“ (Johannes 10,11). Sein Todeskampf gleicht dem Kampf des Hirten mit Wölfen und anderen Raubtieren, die die Herde bedrohen. Er opfert sich – und siegt am Ende doch, weil Gott ihn dem Tode wieder entreißt.

Gut, dass Maria vom Kreuz ihres Sohnes noch nichts weiß. Sie wird ihn bald zur Welt bringen; sie wird das Neugeborene in Windeln wickeln und in eine Futterkrippe legen. Sie wird mit Josef die Hirten empfangen und aufmerksam hören, was sie ihnen zu sagen haben. Und sie wird sich ihrer Aufgabe widmen: Mutter zu sein für ein Kind, mit dem Gott noch viel mehr vorhat, als sie sich im Moment vorstellen kann.

Uns aber begegnet Jesus auch in der Advents- und Weihnachtszeit nicht einfach nur als das Kind, das einmal in der Krippe lag. Wir können ihn gerade auch in diesen Wochen neu entdecken als unseren Guten Hirten.

Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete Zeit. Seien Sie herzlich gegrüßt,
auch im Namen der Kirchenvorsteher und Mitarbeiter,
Ihr Johannes Dziubek, Pfarrer, in Vertretung für Pfarrerin Kühme

 

Maria, ahntest du, dass dein kleiner Sohn einst über Wasser gehen wird?
Hast du es geahnt, dass dein kleiner Sohn unsre Kinder retten wird,
dass dein Kind, dem du Leben gabst, dir neues Leben gibt,
dein Kind, das du getragen, dich einmal tragen wird?

Maria ahntest du, dass durch deinen Sohn die Blinden sehen werden?
Hast du es geahnt, dass durch deinen Sohn Sturm und Wellen schweigen,
dass dein Kind mit den Engeln wohnt, dort wo Gott selber thront?
Und wenn du ihn küsst, dann küsst du Gottes Angesicht.

Maria, ahntest du, dass durch deinen Sohn die ganze Welt gemacht ist?
Hast du es geahnt, dass durch deinen Sohn die Völkerwelt regiert wird?
Ahntest du, dass dein kleiner Sohn als Lamm die Sünde trägt?
Denn das Kind auf deinen Armen ist Gott, der Herr!

(Mark Lowry, Buddy Greene, deutsch: Heiko Bräuning)